Werkschau Nachwuchskurzfilm #16: Simon Schneckenburger – Die Leiden der jungen Träumer [1/2]

In diesem Artikel der Werkschau Nachwuchskurzfilm soll es um die Kurzfilme des Regisseurs Simon Schneckenburger gehen, der derzeit an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert und dessen Filmen wir unter den Gesichtspunkten der Auteur-Theorie einem genaueren Blick unterziehen wollen.

Es wird dabei eines schnell klar, wenn man mehrere Filme von Simon vor sich flackern sieht: Nämlich, dass die Frage, ob sie in einem übergeordneten Zusammenhang stehen, nur eine rhetorische Frage sein kann. Viel interessanter scheint es also zu fragen wie sie miteinander zusammenhängen und wo sie sich aufeinander beziehen, harmonieren oder voneinander abspalten. Denn die Filme von Simon Schneckenburger, das sind immer die Werke eines wehmütigen Träumers, den wir durch diese Filme identifizieren können.

Wie immer gilt: Diese Reihe hat sich zum Ziel gesetzt, einen Blick auf die Szene des deutschen Kurzfilm-Nachwuches zu werfen und die Werke junger Filmschaffender einzuordnen und ihre ersten Schritte in der Filmlandschaft mit diesen Texten zu ergänzen. Der Versuch dieser Reihe ist es, eine persönliche Handschrift aus ihren von mir gesammelten Werken zu extrahieren und ihre persönliche Weltsicht, die Vision du monde, sichtbar für interessierte Leser*innen zu machen.

Der Artikel zu Simon Schneckenburgers Filmen ist dabei, aufgrund der schieren Masse an Kurzfilmen, die Schneckenburger produziert hat und zur Leserfreundlichkeit, in zwei Teile aufgeteilt. Der erste Teil widmet sich Simon Schneckenburgers Anfängen im Film und seinen Studentenfilmen an der Hochschule Offenburg bis zu seinem ersten auf Filmfestivals erfolgreich gelaufenen Werk „Den Regen im Blick“.

Simon Schneckenburger

Biographische Einordnung: Geboren 1990, aufgewachsen zwischen Tannen, Gülle und Provinznazis. Mit 13 den ersten Film auf dem Dachboden der Eltern gedreht. Als Jugendlicher diverse Jugendfilmpreise für diverse Kurzfilme gewonnen. Mit 22 Beginn seines ersten Studiums in Offenburg, um Kameramann zu werden. Im Laufe des Studiums aber gemerkt, dass Technik und Zahlen öde sind. Seitdem als freier Autor und Regisseur auf der Suche nach Geschichten, irgendwo zwischen Schönheit und Entsetzen. Mit einer dieser Geschichten 2017 den Deutschen Nachwuchsfilmpreis gewonnen. Nebenbei durch Schweden gewandert, gearbeitet als Altenpfleger auf dem Dorf, Regieassistent beim Film, Filmvorführer und als Veranstalter von mäßig besuchten Punk-Rock Konzerten. Seit Herbst 2018 studiert er Szenische Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg. Was er mag: Bücher, Bäume und Wimmelbilder.

Man sieht nun bei Simon Schneckenburger einen Filmemacher, der im Kern fast immer die gleichen Paradigmen aufsetzt. Aber auch jemanden, der sich von Film zu Film formal weiterentwickelt, sein Kino schärft, es immer präziser werden lässt. Es mag nach außen hin wie der immer gleiche Film aussehen, aber das ist vielleicht auch gerade das Großartige an diesen Filmen, dass der Autor so sichtbar hinter seinem Werk hervortritt. Simon Schneckenburger filmt mit einer bemerkenswerten Hingabe. Und besonders, wenn man ihn dann auch noch über das, was er in Filmen oder beim Machen von Filmen entdeckt, reden hört, besitzt diese euphorische Lust am Ausprobieren etwas ansteckendes – mit einer fast schon kindlichen Freude für das Neue. Dieser Filmemacher ist demnach immer auf der Suche. Mit jedem Film will er weitergehen, sich mehr trauen mit den Mitteln des Kinos zu spielen, Spiele zu spielen, wie man es in der Kindheit getan hat. François Truffaut fand dafür schon vor Jahrzehnten die richtigen Worte, die man auch auf Simon Schneckenburgers Herangehensweise übertragen kann:

„Einen Film zu machen heißt, das Leben zu verbessern, es nach seiner Façon zu arrangieren, das heißt auch, die Spiele der Kindheit zu verlängern.“

„Im Rauschen“ | ®Marcus Hafner

Hinter Simon Schneckenburgers Filmen fühlt man eine Persönlichkeit. Er macht sich damit auch verletzlich für uns, weil seine Filme so wirken, als würden sie sehr eng mit seiner Person zusammenhängen, als würde er seine Gedanken und Gefühle über diese Filme offenbaren. Und so ist es diese Zerbrechlichkeit, die seine Figuren transportieren, die seine Filme so emotional, uns so nahe werden lassen. Es sind Filme, die in den meisten Fällen von Zärtlichkeit und Ruhe getragen werden. Mit Bildern aus dem Kopf eines nostalgischen Träumers, der damit auch ein bisschen dem Klischee eines empfindsamen, in der Natur verweilenden (denn dorthin flüchten seine Protagonist*innen in munterer Regelmäßigkeit, um Erlösung zu finden) Künstlers der Romantik entspricht, dem die digitale Welt (zumindest in den Filmen) irgendwie fern ist. Wenn ich an die Filme von Simon Schneckenburger denke, dann sehe ich vor mir ein breites Schaffen (mit immerhin bis dato mehr als 10 Kurzfilmen). Es tut sich ein Universum auf, das den immer ähnlichen Ansprüchen, Vorlieben und Ängsten verpflichtet ist. Es geht in diesen Filmen dabei nie wirklich um Plots, sondern um Stimmungen und Gefühle, die wir als Zuschauer*innen absorbieren können.

Das kann und soll man auch kritisch sehen können. Aber zunächst ist es doch bei Kurzfilmen schön eine solche Homogenität zu entdecken. Man hat die Möglichkeit, sich darin zu verlieren und von einem Filmemacher bei der Hand genommen zu werden. Sich also bei ihm irgendwie geborgen fühlen zu können, weil man vertraute Gefilde betritt, die immer irgendwie gleich, aber auch immer unterschiedlich sind und dadurch – gerade in seinen letzten Filmen – immer wieder einen neuen Zugang zu seinen Themen ausbreiten.

Nichtsdestotrotz wird es meine Aufgabe sein, nicht nur zu schwelgen, sondern auch kritische Kommentare vorzunehmen. Denn im Umkehrschluss an das, was man schön finden kann, kann es auch den Blickwinkel geben, das man dies alles als überaus repetitiv empfinden kann. Schließlich zählt zu Simon Schneckenburgers Filmen eben (bis dato) auch, dass es vor allem auch um männliches Leiden geht, das zelebriert wird und meistens (aber nicht immer!) die Frauenfiguren als relativ funktionale Katalysatoren für männliche Figuren herhalten müssen (man kann aber auch an dieser Stelle wieder für Simon Schneckenburger argumentieren, dass [auch männliche] Nebenfiguren gerade in Kurzfilmen nur selten über das Funktionale wegen der begrenzten Länge des Formates hinauskommen würden).

Man kann das zudem alles auch furchtbar klischiert finden, was er uns zeigt und erzählt, weil es eben genau diesem Typen des melancholischen Träumers entspricht, der im Kino schon – mit allen Topoi, die ich aufgezählt habe – in Dutzendware erzählt wurde. Und doch möchte ich sagen, dass es gut ist, dass wir die Filme von Simon Schneckenburger haben, mögen sie jetzt auch noch nicht in ihrer Gänze formvollendet sein. Dieser Aufsatz kann vielleicht eine kleine Ahnung geben warum. Und vor allem damit eine Ahnung geben, warum es Freude bereiten kann, dieses Gesamtwerk zu durchforsten.

Die Reise beginnt

„Herr Olsson und die Einsamkeit“ | ®Dominik Sackmann

Kommen wir aber erstmal zum Anfang unserer Geschichte: Die Liebe von Simon Schneckenburger zu den Filmen begann damit, dass er als Kind in den Filmen ein Mittel sah, um seine Phantasie zu befeuern, um danach in die Natur hinauszugehen, sich etwas vorzustellen und zu erleben, das man in den Filmen gesehen hatte. Der wichtigste Film, den er in dieser frühen Phase seines Lebens sah, war “Jurassic Park” von Steven Spielberg. Einen Film, den er immer und immer wieder mit einem Schulfreund verschlang. Dieser Freund lebte direkt neben der Schule und so hieß es in jeder Pause, dass sie sich zu diesem aufmachen würden, um sich von diesem Film überwältigen zu lassen. Sie waren gnadenlos dem Filmfieber verfallen.

Zum Filme-machen kam Simon Schneckenburger schließlich, als ihm sein Vater eine analoge Filmkamera schenkte und sich sein Blick auf die Welt durch den Blick durch den Sucher veränderte. Plötzlich erschien ihm die Welt größer zu sein, als er sie vorher erlebt hatte. Der Blick durch die Kamera zeigte ihm, dass da etwas hinter dieser kleinen dörflichen Welt lag, die er bis dato kannte. Und das, was dort lag, war etwas großes. So filmte er alles, was man filmen konnte, wollte die ganze Welt mit dieser Kamera bebildern. Jeden Monat drehte er etwas (zusammen mit seinem späteren Stamm-Kameramann Marcus Hafner).

Egal ob amateurhafter Kung-fu-Film oder Splatterfilm, es ging nur darum zu filmen, mit der Kamera zu spielen und auszuprobieren. Koste es, was es wolle. Zur Not mithilfe von Klassenkamerad*innen, die oftmals Teil dieses Spiels wurden und von den jungen Filmemachern situativ mit (oft albernen) Anweisungen inszeniert wurden. Was dabei am Ende herauskam, war egal. Es ging nur um das Zelebrieren des Spiels. So fing es an. Und hörte nie auf. Süchte waren geboren: Die Sucht, zu sehen und die Sucht, zu filmen. In der Oberstufe kam schließlich die Literatur dazu. Sie hätte das Ganze intellektualisiert, meint Simon, aber der Kern wäre derselbe geblieben. Diesen Spaß von damals will er sich bewahren, notfalls zurückerobern. Denn er weiß, der Druck fängt da an, wenn man davon leben will. Trotzdem ist es für ihn wichtig mit Freude bei der Arbeit an seinen Filmen zu bleiben. Sich auch mal frei zu machen.

Laut Simon Schneckenburger sei das Großartige an dem Medium Film, dass es beim Wort anfangen würde, über die Bildgestaltung ginge und schließlich bei der Musik im Soundstudio enden würde, wenn überhaupt dort enden würde. Für Simon gäbe es immer noch mehr, was dieses Medium bereichern würde. Mehr als man vielleicht auf den ersten Blick sehen würde. Mehr als die Mini-DV-Kamera, mit der alles begann. Film zu machen, das bedeutet also für Simon Schneckenburger auch immer eine Entdeckungsreise zu machen und immer wieder auch neues zu erforschen, da sich mit dem Medium Film für ihn eine Welt auftun würde.

Neue Welten taten sich für ihn hinsichtlich des Medium Films auch mit Werken wie “Elephant” von Gus Van Sant auf. Bei diesem erinnert sich Simon, wie er ihn das erste Mal auf einem 4:3 Fernseher auf Arte sah und gleichermaßen irritiert wie fasziniert war: Von den langen Einstellungen, dem Aushalten der Stille, dem ganz anderen Rhythmus dieses Films und der Art, wie dieser Film sein Thema ganz anders anging als man er es kannte. Mit diesem Film – aus Van Sants zweiten Frühling beim Independentfilm – hangelte sich Simon in anspruchsvolle Gefilde vor. Dort begegneten ihm dann später die Generationsporträts von Joachim Trier, die ihn richtig abholten in ihrer Balance zwischen Anspruch und Spielfreude, Lynne Ramsay, an deren Schaffen er die Vielfalt liebt oder die für ihn inspirierenden Kurzfilme des jungen niederländischen Regisseurs Mees Peijnenburg, dessen Langfilmdebüt “Paradise Drifters” dieses Jahr im Rahmen der Berlinale seine Premiere feierte.

Was Simon Schneckenburger von Filmen will, ist immer wieder neues zu entdecken. Weshalb er nur selten die gleichen Filme sehen würde. Und die Filme, die er dann immer wieder schauen könne, das wären die Filme des Studios Ghiblis mit Werken von Hayao Miyazaki. Bei diesen Filmen würde Simon zunächst einmal ihre starken Frauenfiguren bemerkenswert finden wie auch ihre progressiven Inhalte, wie der Kontext zur Natur und dass die Kinder in diesen Filmen auch Angst haben dürften und es ihnen nicht ausgetrieben wird. Das alles könne er immer wieder aus diesen Filmen mitnehmen.

Ansonsten möchte er aber stets nach vorne sehen, neue Seherfahrungen machen und versunkene Schätze des Kinos ausgraben, die ihn einsaugen und neues bieten würden. Exemplarisch führt er dazu den Antikriegsfilm “Komm und Sieh” von Elem Klimov und “The Tribe” von Myroslaw Slaboschpyzky, ein Film in langen Plansequenzen und mit nicht untertitelter Gebärdensprache, an.

„Den Regen im Blick“ | ®Marcus Hafner

Bei seinen eigenen Kurzfilmen ist Simon wiederum wichtig, eine klare Haltung zu beziehen. Das würde auch für Unterhaltungsfilme gelten. Denn das Medium Film habe seiner Meinung nach Macht, könne verändern und im Besonderen Empathie bei seinen Zuschauer*innen fördern, die vielleicht durch die Digitalisierung und Handy-Kultur, so Simons Angst, verloren gehen könne. Film könne dagegen wirken. Und deshalb sei es elementar Filme zu schaffen, die dies tun. Besonders, indem man genau hinterfragt, wie man erzählt und was man für Themen wählt.

Der andere Aspekt, der bei der Arbeit an seinen Kurzfilmen eine bedeutende Rolle einnimmt und von ihm schon im frühen Stadium einer Produktion überlegt wird, ist die Stimmung, die der Film audiovisuell erreichen soll. Aus diesem Grund steht er im ständigen Austausch mit den Gewerken von Kamera und Ton und schreibt, sofern er ein Drehbuch selbst verfasst, auch notfalls Dinge rein, die in einem gewöhnlichen Drehbuch eigentlich nichts zu suchen haben. Diese Dinge können ihm aber eine Stimmung vorgeben, u.a. in Form von Tracks, die er gerne im Film hören würde. Passend dazu gibt es natürlich auch eine Spotify-Liste mit allen Soundtracks, die er im Prozess des Schreibens hört.

So es ist zu Beginn hinsichtlich einer Werkschau nur folgerichtig, dass sein erster Gehversuch im filmischen Bereich tatsächlich wie ein schnell goutierbarer Song, eine kleine Melodie über einen Gefühlszustand, anmutet.

Last Boy (2013 | 3 Minuten)

Dieses erste Filmexperiment von Simon Schneckenburger ist im Grunde nicht mehr als eine 3-minütige Spielerei, ein One-Trick-Pony. Geboren wurde sie aus der Idee zu einem 15-minütigen Kurzfilm, aus dem nie etwas wurde.

“Last Boy” ist wie eine Einführung in das Schaffen von Simon Schneckenburger. Ein Vorwort für die Protagonisten und die Welt, die uns in seinen Filmen erwarten werden. Der Film schildert einen jungen Mann, der durch eine Welt geht, in der alles außer ihm still steht. Er ist fremd in dieser Welt, ist von der Welt und den Menschen isoliert, kann die Freude der Anderen nicht teilen, streift umher und fotografiert – von Bild zu Bild. Und mehr ist dieser Film auch nicht. Er beruft sich darauf, dass sein Protagonist durch statische Photoshop-Bilder läuft. Szene für Szene. Hat man das erstmal verstanden, bietet der Film eine Variation des immergleichen an. Metaphorisch kann man den Film vielleicht als Film über Depression verstehen. In jedem Fall bringt er thematische Klarheit hinsichtlich seines Regisseurs.

Entstanden ist dieser Film nur aus einem Jux, weil Simon und sein Team dieses Verfahren des Films, seinen Protagonisten durch Photoshopbilder laufen zu lassen, ganz cool fanden. Aus der längeren Version des Films wurde nie etwas, aber irgendwie wollten sie dieses Projekt zu Ende bringen. Und so entstand das, was wir heute sehen können und von dem sich Simon zur Zeit der Entstehung nicht bewusst war, dass dieser Jux viele Gefühle seiner nachfolgenden Kurzfilme bereits adaptieren würde.

Aller Anfang ist schwer

Ich möchte es mal zu Beginn provokant formulieren: Sich Simon Scheneckenburgers nächsten Film “Nimmerland” anzuschauen ist in etwa so wie durch die Hölle von Simon Schneckenburgers Schaffen zu gehen. Dieser Film ist kein Vergnügen. Das weiß sein Regisseur, der bei diesem Film stets von einem Übungsfilm spricht, am besten. Trotzdem ist es wichtig auch dieses Kind beim Namen zu nennen und einem genaueren Blick zu unterwerfen. Denn auch wenn man den Film auf ganzer Linie gescheitert finden kann, birgt er doch einige Aspekte, die uns seinem damals noch sehr jungen Regisseur und dem, was ihn aus einer Intuition heraus wichtig sind, näher bringen.

Nimmerland (2014 | 23 Minuten)

®Dominik Sackmann

“Nimmerland” war die erste Arbeit von Simon Schneckenburger, bei der er das Buch schrieb und Regie führte. Vorher war es eigentlich Simons Plan gewesen in die Kamera-Abteilung zu gehen. Mit diesem Film wurde ihm aber schnell klar, dass es ihm mehr Spaß machte Regie zu führen, u.a. seine Protagonist*innen zu casten und so vieles mehr zu steuern, von dem er bei diesem Dreh erstmals wirklich erfuhr. Der Kurzfilm entstand dabei in einem kleinen Rahmen während seines Studiums an der Hochschule Offenburg. Diesen kleinen Rahmen seiner Hochschule übersetzt der Regisseur wie folgt: Nehmt eine Spiegelreflexkamera, dieses Stativ und dreht einen Film für kleines Geld. Was der Punkt an diesem Film war, daran erinnert sich Simon heute nicht mehr. Er vermutet sogar, dass es diesen Punkt vielleicht nie gegeben habe.

Man bemerkt aber: Es ist der Film eines jungen Mannes, der sich spät in der Oberstufe in die Literatur verliebt hat, sie verschlungen hat, obgleich sein Umfeld mit dieser Literatur nichts anfangen konnte, weil sie es nicht verstehen. Es ist der Film eines jungen Mannes, der sich wahrscheinlich unbewusst spiegelt, und kurz nach dem Abitur und Zivildienst sein Studium beginnt. Dieser Film ist der Nachhall von alldem, ein diffuses Etwas, in dem vieles eingeflossen zu sein scheint, was er erlebt hat.

®Dominik Sackmann

Simon Schneckenburgers erste Arbeit an der Hochschule Offenburg ist ein Coming-Of-Age-Film, der am Anfang von einem nachdenklichen Off-Kommentar getragen wird, durch den wir – wie die beiden Protagonist*innen – in die Welt der Plattenbauten in einer anonymen Großstadt eingesperrt werden. Es geht um Finn (Leif Gerhard) und Anouk (Nadja Dautel), und vor allem um Finn, der sich wie ein Außenseiter fühlt. Gemeinsam bewundern sie den Nachthimmel und stellen Fragen an das Universum. Das ist noch der angenehmere Teil des Films. Wir sind in einem schwülstig-träumerischen und naiven Film angelangt, bei dem die Figuren sich in ihrer eigenen Blase bewegen: In einem Zwei-Personen-Stück, in dem diese zwei Personen, Finn und Anouk, ihre Gedanken austauschen. Und um es gleich vorwegzunehmen: In diesem Film wird man keinen Plot finden, nur Jugendliche, die in dieser Märchenwelt miteinander reden. Meistens sitzen oder liegen sie dabei herum, pendeln gedanklich zwischen Kant und Peter Pan, Nimmerland und Plattenbauten und denken vermehrt an das Meer als ihren Sehnsuchtsort. Es sind zwei Welten und Ansichten, die da bei diesem Jungen und diesem Mädchen aufeinanderprallen: Prätention gegen Pragmatismus, Traum gegen Lethargie.

Finn ist ein eitler Möchtegern, der nie gelebt hat, aber redet und redet, laut liest, artikuliert und proklamiert, nie schweigen will, auch wenn er es sollte. Keine Literatur ist vor ihm sicher! Er ist zu verliebt in seine Gedanken, dass er gar nicht bemerkt, dass ihm niemand zuhört. Anouk ist dagegen der schweigsame und verqualmte Gegenpart, der nur sporadisch antwortet und Kontra gegenüber seinem Eifer gibt. Aus Finns Worten sprechen aber nicht Wahrheiten, sondern nur altkluge Phrasen, blinde Anbetung. Der Film möchte bedeutsam und klug sein, kommt aber nicht über das Banale hinaus. Es wird geredet, sogar sehr viel geredet. Wir sind dabei nahe an den Gesichtern oder in weiten Winkeln, um die Größe der einschließenden Plattenbauten zu betonen. Dazwischen schneidet der Film dann immer wieder Impressionen des Orten, die aber immer die gleiche Essenz, den gleichen Inhalt bergen. Es ist leer und trostlos hier. Und die Figuren vegetieren dahin. Wir mit ihnen. Wir altern dabei schneller als der Film.

®Dominik Sackmann

Finn ist auf der Suche, will weg von diesem Ort – und der Zuschauer möchte weg von diesem lästig-verquasselten Jungen, der unbedingt ein großer Denker und großer Träumer sein will, weil er es in einem Buch gelesen hat. Man glaubt das nicht so ganz. Vielleicht, weil die Figuren in einem leeren Konstrukt agieren. Wir sehen nichts von ihrem Alltag. Wir sehen sie eigentlich nur rumliegen, bestenfalls noch aufstehen. Aber nie sind sie aktiv, immer nur für sich und dadurch als Figuren so seltsam isoliert von der Welt (vgl. “Last Boy”).

Irgendwann hat Anouk aber genug von Finn – auch wenn sie das in ebenso hochgestochenen Wörtern wie er formuliert – und kritisiert ihr Gegenüber dafür, dass er denkt, er hätte alles geblickt (immerhin reflektiert sich der Film für einen kurzen Moment selbst). Denn auch Anouk möchte weg von diesem Ort, der Insel ihres Lebens, kann es aber nicht, weil – das ist der große Twist des Films – sie sich um ihre kranke Mutter kümmern muss. Diese ist an ihr Bett gefesselt. Anouk muss sie versorgen. Etwas, das der Film erst notwendig zu kommunizieren hält, als er so gut wie vorbei ist.

®Dominik Sackmann

Es bleibt ein Film zwischen Träumerei und Weltschmerz, Hoffnung und Realität. Simon Schneckenburgers Blick auf seine Figuren ist empathisch, er geht mit ihnen mit. Sein Film ist aber auch ein anstrengend zu schauendes Werk, weil Film und Protagonist eng miteinander verzahnt sind, sich nicht voneinander trennen lassen. Es ist am Ende eine Kunstwelt mit Kunstfiguren, die wir präsentiert bekommen. Sie proklamieren etwas. Glauben tut man das aber nicht und am schlimmsten ist eigentlich, dass aus diesen beiden abgehobenen Figuren nie Menschen werden, sondern eben nur Körper, die Texte aufsagen. Damit bleibt vieles Behauptung, von dem uns der Film erzählen will. Er bleibt uns fremdartig. Der Film ist eine viel zu lange Momentaufnahme, in der zu viel geredet wird, in dessen letzten Minuten aber erst etwas greifbares erzählt wird. Es ist ein Film, der fliegen möchte, aber das fliegen noch nicht gelernt hat. Teilweise besitzt der Film vereinzelt treffende Bilder, teilweise aber auch das genaue Gegenteil, wenn er schmierig dem Kitsch huldigt und die Kamera ganze Szenen sichtlich konfus arrangiert.

Hinsichtlich seines Regisseurs Simon Schneckenburger kann man aber auch bemerken, dass dies einer der wenigen Filme sein wird, in dem der weiblichen Figur ein eigenes Leben zugestanden wird und sie nicht nur als Katalysator für die männliche Figur agiert, sondern man auch den eigenen Schmerz der weiblichen Figur versucht deutlich zu machen. Einen schalen Beigeschmack hinterlässt aber, dass die dauerschwadronierende männliche Figur die weibliche Figur mit seinen Worten zu ersticken droht, ihr das Wort abschneidet und jeden Moment für sich beansprucht. Aber dies soll nur ein loser Gedanke am Rande sein.

®Dominik Sackmann

Schaut man sich nun “Nimmerland” unter dem Blickwinkel seines Regisseurs an und wagt einen Blick nach vorne, merkt man schon, dass dieser Film erste Weichen stellt und die fortlaufenden Interessen seines Regisseurs zu erkennen sind. Das vermittelt uns allein der Titel des Films, der mit Peter Pan auf einen der großer Träumer, aber auch auf eine der größten Nervensägen (hier tut es der Film der Vorlage gleich) der Literatur verweist.

Aber das geschieht in “Nimmerland” eben in einer durchwachsenen Form, die noch nicht geformt ist für die Inhalte, die Simon Schneckenburger erzählen möchte. Das Resultat, das am Ende dieser Übung steht, ist ein klobiger und grob durch Auf- und Abblenden zusammengehaltener Versuch, bei dem man sich bemüht hat, aber man es nie geschafft hat abzuheben. Es bleibt ein ulkiges Frühwerk. Und so konstatiert auch Simon, nachdem er ihn letztes Jahr wieder gesehen hat, dass er diesen Film nicht mehr verstanden hätte. Vielleicht hatte er davor “Fish Tank” von Andrea Arnold gesehen und fand ihn so großartig, dass er ihn kopieren wollte. Vielleicht auch nicht. Der Film hätte ihn irritiert und sprachlos zurückgelassen – vor allem auch wegen seines ätzenden Helden.

Im Rückblick bereut Simon diesen Film aber nicht. Diesen Film zu sehen, sei für ihn wie alte Kinderfotos zu schauen. Es gäbe dabei immer eine Phase des Übergangs, wo man hässliche Kleidung tragen oder eine schreckliche Frisur haben würde. Etwas, wo man zu sich selbst im Anschluss sagt, dass man froh ist, dass man nicht mehr so aussieht oder eben Gott sei dank nicht mehr solche Filme machen würde. Denn dann weiß man, dass man eine Entwicklung vollzogen hat. Und in diesem Sinne sei es gut, dass es eben diesen Film geben würde. Er würde bewusst machen, was einmal war und wie man sich fortbewegt hat. „Nimmerland“ stellt also eine Erkenntnis dar. Oder um es nochmal mit Simons Worten anders zu formulieren:

“Wenn dir niemand zeigt wie man Drehbücher schreibt und du dich selbst damit nicht beschäftigt hast, entsteht so etwas.”

“Nimmerland” wäre Ausdruck eines sehr unbeholfenen und naiven Filmemachens, bei dem man glaubte, dass Filmbalken gleich großes Kino bedeuten würden. Ein Übungsfilm, an dem heute nichts zusammenpassen würde, der aber im Rückblick eine Findungsphase dokumentiert, die mit diesem Film aber noch nicht abgeschlossen sein sollte.

Ein anderes Beispiel für die frühen und noch sehr naiven Filme von Simon Schneckenburger an der Hochschule von Offenburg sind seine Filme aus Lego, die er zusammen mit Dominik Sackmann umsetzte, einem Kommilitonen, der aus dem gleichen Dorf wie er kam und mit dem er sich rasch verbündete. Diese – formal markanten – Lego-Filme, die sie machten, mal als Musikvideo, mal als Projektarbeit mit einer Schulklasse, sind im Kern alle ähnlich. Sie sind Schattierungen, die uns vor allem dazu dienen können diese vermeintliche Handschrift zu verifizieren. Der Film, der dabei am meisten hervorsticht und auch am exemplarischsten fungieren kann, ist “Herr Olsson und die Einsamkeit”, weil er der narrativste und längste dieser Werke ist.

Herr Olsson und die Einsamkeit (2013 | 15 Minuten)

®Dominik Sackmann

Dieser Kurzfilm in Schwarz und Weiß entstand als vorgeschriebener Animationsfilm bei Simons Studium an der Hochschule in Offenburg. Er wollte nichts mit 3D machen, konnte nicht malen und wollte auf etwas zurückgreifen, das bereits vorhanden war. Da war Lego das naheliegendste, was sich anbot, weil es einfach zu bauen war. So kostete ihn und Dominik Sackmann die Arbeit an der Stop-Motion-Technik des Films knapp 3 Monate. Inspiriert wurde das Werk von zwei Faktoren: Einmal einer von Simon zufällig gesichteten Dokumentation im Fernsehen über ein altes Ehepaar, das einen Leuchtturm hütete und sich nichts mehr zu sagen hatte und von der Fußball-Weltmeisterschaft, bei dem in einem der Spiele ein Kommentator, in dem Schweden spielte, immer wieder den Namen “Olsson” brüllte. Und nebenher kann man auch ein Poster von Michael Hanekes “Liebe” im Wohnzimmer des Protagonisten Olsson finden, der nicht allzu sehr von diesem Film hier entfernt ist.

®Dominik Sackmann

Eingerahmt wird der Film von einem einleitenden Voice-Over. Danach beschränkt sich der Film aber auf visuelles Storytelling, das er mit starken und aussagekräftigen Bildern von Lego füllt. Und man mag es zu Beginn kaum glauben, die Geschichte funktioniert. Man geht mit. Diese handelt von einem einsamen Leuchtturmwärter, der seit dem Tod seiner Frau ein Leben in Verlorenheit fristet. Er schwelgt in Erinnerungen und hat im Leben keine Ziele mehr.

Da sind wir also wieder bei dem thematischen Überbau von Simon Schneckenburgers Filmen, der auch hier von einsamen Männern und Träumern, ihrer Verlorenheit, ihrem Weltschmerz und ihrem Hang zur Schwere erzählt. Der Leuchtturmwärter schottet sich auf seiner kleinen Insel ab und steht im Missverhältnis zur Welt. Formal ist das dabei überraschend bestechend und jedes Bild ist auch emotional aufgeladen. Wir haben es hier mit einem bildgewaltigen Film zu tun, weil der Kreativität der Bilder durch die Bausteine keine Grenzen gesetzt sind, sich alles für wenig Budget umsetzen lässt, was in einem Realfilm – zumindest im Nachwuchsbereich – nicht möglich wäre. Dazu gibt es eine Freiheit der Perspektiven und Winkel, die der Film einnehmen kann und ihn formal so beeindruckend umgesetzt wirken lässt.

Das Problem des Legofilms ist aber dann auch, dass man sich mehr in die eindrucksvolle Form, die Umsetzung der Geschichte, verliebt, als in die recht schlichte, schablonenhaft aufgedröselte Geschichte, die von der vermeintlichen Errettung ihres Protagonisten erzählt, vor allem aber seine Einsamkeit in eindrücklichen Tableaus kleiden möchte. Simon Schneckenburger und Dominik Sackmann nehmen sich viel Zeit, den Alltag zu zeigen, dem sie durch die Form etwas genuines abgewinnen können. Diese Form verleitet immer wieder zum Staunen. Ansonsten ist das ein wehmütiges und trauriges Werk, das eine Stimmung transportiert und seine Originalität dadurch gewinnt, dass man sich auf Lego beschränkt. Aber man schafft sich damit auch viele Möglichkeiten, um auszuprobieren und zu spielen – trotz ernster Thematik. So meint auch Simon selbst, dass die Faszination des Films vielleicht auch darin liegen könnte, dass man mit Lego Kindheit, Spiel und Spaß verbinden würde, dieses Projekt aber ein totaler Kontrast dazu wäre, weil es um Melancholie und Tod kreisen würde.

Das Bauen habe dabei Spaß gemacht, das Animieren weniger, da Lego-Figuren schließlich nur über einen begrenzten Bewegungsradius verfügen würden und man viel Geduld brauchte, wenn alles zusammen fiel und man von vorne anfangen musste. Um den Aufwand wiederum möglichst gering zu halten (oder überhaupt im Bereich des Möglichen zu halten, weil sie nicht wussten wie sie die Animation der Gesichter hätten machen sollen), wurde dann auch darauf verzichtet die Figuren sprechen zu lassen. So wurde sich auf das rein Audiovisuelle fokussiert. Nun, sehenswert ist das Endprodukt auf jeden Fall geworden.

Mit den folgenden Kurzfilmen von Simon Schneckenburger, die zumeist eine beträchtliche Laufzeit von knapp 30 bis sogar 45 Minuten aufweisen, begeben wir uns auch in das Zentrum seiner Filme. Diese Werke haben oftmals den Charakter eines Porträts seiner Figuren, die eine Reise nach Innen unternehmen und eine Selbstfindung vollziehen müssen. Mit dem nächsten Kurzfilm “Den Regen im Blick” beginnen Simon Schneckenburgers Filme auch auf Filmfestivals sichtbarer zu werden, u.a. dem alle zwei Jahre stattfindenden Nachwuchsfilmfestival Up-und-Coming in Hannover, bei dem er sowohl – hier mit “Den Regen im Blick” – 2016 als auch – mit “Am Tag die Sterne” – 2018 im Wettbewerb vertreten war.

Den Regen im Blick (2016 | 28 Minuten)

Der Regen fällt nieder und tränkt die Straßen in Traurigkeit. Ein Hund wartet an der Haustür und beobachtet den Regen beim Fallen. Im Zentrum steht aber nicht dieser Hund, der den Film einrahmt und vielleicht als Chiffre für den Protagonisten zu verstehen ist, sondern Felix (Sebastian Zemann), ein jungenhafter Student, der unsicher, schüchtern, noch nicht erwachsen ist und in der Universität die Blicke zu seinen Kommiliton*innen meidet. Er ist einer, so formuliert es sein Regisseur Simon Schneckenburger, der der Welt abhanden gekommen ist.

“Den Regen im Blick” ist ein Porträt seines Protagonisten, das durchzogen ist von Wehmut, Tristesse und Klaviermusik. Angelehnt ist das an Jan Ole Gersters “Oh Boy” und wie dessen Film auch in Schwarzweiß fotografiert. Die Referenzen zum Film von Gerster reichen sogar soweit, dass einzelne Momente, wie das Ausharren unter der Dusche, direkt aus dem Film kopiert werden. Dabei ist “Den Regen im Blick” aber ohne den Witz, den Gersters Film hatte. Das Werk ist eine durch und durch ernste Angelegenheit, die oft mit einem Gedicht verglichen wurde. Die anderen Inspirationen des Films finden wir – wie in so vielen Studentenfilmen – an den Wänden der Wohngemeinschaft seines Protagonisten Felix. Dort hängen dann Bill Murray in Jim Jarmuschs Tragikomödie “Broken Flowers” und “Herr Lehmann” von Leander Haußmann, die ein Blickspiel mit den Figuren des Films vollziehen.

®Marcus Hafner

Der Protagonist ist wieder ein unerfüllter Poet, ein einsamer Träumer und Taugenichts, der die Welt um sich herum sieht, aber nicht teilnimmt. Ein verlorener, zutiefst romantischer Junge und Herumtreiber, der auf der Suche ist, sich in Sehnsüchten und Schmerz treiben lässt. Vieles an dieser Figur ist aus der Zeit gefallen. Er schreibt auf einer Schreibmaschine, leidet an der Welt, vegetiert und raucht seine Zigaretten.

Man merkt, dass, obwohl das Drehbuch von Tobias Gralke stammt, der damit autobiografisches verarbeitete (und Simon bat für die Arbeit am Buch zunächst Samuel Becketts “Warten auf Godot” zu lesen, weil die Figuren dort auch auf etwas warten würde, was nie passiert), auch Simon Schneckenburger an dieser Figur viel liegt und er sich vielleicht auch in ihr wiederfinden kann. Denn wie der Film diese Figur bebildert, das ist stets herzlich. Er nimmt sich Zeit zu beobachten, den Stillstand, die Stagnation dieses jungen und trübsinnigen Mannes ruhig und besonnen in einer artifiziellen, da schwarzweißen Bildsprache zu erzählen.

Wir als Zuschauer beobachten, warten, sehen das nichts passiert. Denn dies ist die etwas zu ausgedehnte Beschreibung eines Zustandes, indem sich der Protagonisten seinem Call-to-Action verweigert und in seinem Zimmer verkriecht. Nachts kann er nicht schlafen. Durch die dünnen Wände brummt die Musik der Nachbarn, die ihn wach hält. Vielleicht ist diese Musik aber auch nur in seinem Kopf und steht für etwas, das er versucht zu verdrängen. Etwas, das ihn im Unterbewusstsein wach hält. So richtig klar, warum dieser Protagonist es nicht schafft auszubrechen, das skizziert der Film eher schwammig. Da scheint zum Beispiel etwas in der Vergangenheit des Protagonisten zu liegen, das über einen Satz über seine Mutter (vgl. “Nimmerland”) angedeutet, aber nicht entschlüsselt wird.

®Marcus Hafner

Vielleicht ist der Zustand der Lähmung des Protagonisten aber auch nur Teil eines Lebensgefühls seiner Generation, das hier abgezeichnet werden soll. Und diese Generation würde sich für seinen Regisseur dadurch auszeichnen, zerstreut zu sein. So vermerkt dieser zu dem Thema, dass man in seiner Generation die Möglichkeit hätte überall hinzugehen, aber auch Blockaden hätte, das Falsche zu tun. Und dies würde auch an seinem Helden nagen, der die Welt zwar als schön, aber für ihn auch als fremd wahrnehme würde.

Wenn man den Film nun sieht dann denkt dabei inhaltlich an eine seichte Version von “Der Mann, der schläft” von Georges Perec. Ästhetisch, weil das ja alles Schwarzweiß ist, denkt man wiederum irgendwie an die Nouvelle Vague. Nicht alles wird konkret ausgesprochen, was die Figuren beschäftigt. Viel wird aber reflektiert in nachdenklich gestimmten Dialogen, die so wirken, als würden Regisseur und Autor ihre Gedanken aufschreiben, über das Jetzt und das Morgen nachdenken.

Dabei droht der Film aber auch immer wieder in sentimentale Bilder und klischierte Gesten zu zerbrechen, wenn wir den Protagonisten Felix in Dauerschleife in der Stille warten und aus dem Fenster schauen sehen. Zudem besitzen die Dialoge eine eigentümlich artifizielle Qualität, die auch immer ein Milieu von Künstler*innen abbilden, die in einer Kunstsprache agieren, aber nicht ganz zum Leben erwachen. Vielleicht, weil der Film auch darunter leidet seine Dialogszenen, in denen Kunst, Kultur und Beckett zitiert werden, nicht selten hüftsteif in Szene zu setzen.

®Marcus Hafner

Um das Klischeehafte des Films und seines innerlich leidenden Helden dann auch noch ein bisschen abzurunden, gibt es auch in diesem Film eine Annäherung von Mann und Frau, die von unserem männlichen Protagonisten ausgeht, der etwas aufbauen möchte, aber daran scheitert, dass diese nur eine Freundin sein will. Bei dieser für den Film wichtigsten Nebenfigur (Anabel Möbius) des Films kommt er bei dieser weiblichen Figur aber auch nicht über das Attribut der Freundin hinaus, die sich mit Kunst auskennt, weil sie anscheinend Schauspielstudentin ist, die gerade an verschiedenen Theatern vorspricht. Für den Film ist sie aber dann nur dazu da, um die Probleme des Protagonisten zu verbalisieren, ihm einen Moment menschlicher Empathie zu geben, ein Gegenüber für Worte und Gedanken, das ihm ein Verständnis schenken kann und ermutigen kann doch ins Leben zu treten.

Dafür rennt Felix schließlich am Ende des Films durch den Regen und landet in der Natur, wo er Geborgenheit findet. Gerade diese Entscheidung des Films, seinen Helden am Ende von der Großstadt in die Natur fliehen zu lassen, ist der künstlerische Punkt seines Regisseurs Simon Schneckenburger. Dieser wollte diesen Moment unbedingt im Film haben, weil er sich mit der Idee der Sequenz am besten verknüpfen konnte, dass die Katharsis über die Natur vollzogen wird. Es sei der theatralische Schlüsselmoment seines Films, der zeigt wie sein Protagonist rennt und in den Morgenstunden in dieser anderen Welt, der Natur, steht und versucht etwas zu spüren.

®Marcus Hafner

Abschließend ist “Den Regen im Blick” also ein schön-wehmütiger Kurzfilm über einen Außenseiter, in dem der Protagonist sanftmütig eine leise Wandlung durchläuft, aber dessen Gesamtpaket auch ein bisschen abgedroschen wirkt, weil die typischen Bilder einer Sinnsuche (u.a. Bus- und Bahnfahrten, aus dem Fenster schauen) in Dauerbeschallung präsentiert werden. Da bleibt nur noch die Frage offen, was eigentlich dieser Regen im Titel bedeuten soll, der auch vom Protagonisten in Dialogen so stilisiert hervorgehoben wird. Simon Schneckenburger vermerkte dazu:

“Es war immer so etwas offenes, bei dem es kein richtig und kein falsch gibt. Für mich war es eine innerliche Blockade, etwas diffuses, was mich daran hindert etwas zu tun. Ich hatte Freunde, die super talentiert sind, aber nie richtig in die Gänge gekommen sind, nie gestartet sind und in ihrer eigenen Lethargie gefangen waren. Das spiegelt sich in dem Film wieder. Jeder hat seine eigenen Blockaden und am Ende des Films hat Felix das akzeptiert, dass die Ängste oder insbesondere die Angst vor dem Scheitern oder dem Druck da ist. Dass sie vielleicht dazu gehören.”

Bemerkenswert in dem bisherigen Schaffen von Simon Schneckenburger ist “Den Regen im Blick” auch deshalb, weil erstmals Sebastian Zemann in einem von vielen folgenden Kurzfilmen (“Wintersonnenwende, “Was ihr nicht seht”, “Ich glaube, es geht ans Ende der Welt” ” und in einem Cameo in einer Clubszene in “Am Tag die Sterne”,) von Simon die Hauptrolle innehat und von nun an beinahe, so könnte man zumindest mutmaßen, als eine Art wehmütiges Alter Ego des Regisseurs fungiert. Kennengelernt hatte Simon Sebastian, der zu dieser Zeit Schauspiel in Freiburg studierte, durch einen Zufall. Er hatte ihn in einem Hochschulfilm gesehen, der ihm zwar nicht sonderlich angesprochen hätte, aber ihm gefiel Zemann in einer kleiner Rolle, die Zerbrechlichkeit, die dieser zeigen konnte. Dies schien ihm genau richtig für die Rolle von Felix in “Den Regen im Blick” zu sein. Anders als in den Film ersichtlich, würde Sebastian Zemann am Set nämlich nur so vor Energie strotzen und darauf brennen, seine eigenen Gedanken in die Geschichte mit einzubringen. So ergab sich daraus für die beiden immer eine Zusammenarbeit, die genauso intensiv wie produktiv war.

Here’s looking at you kid (2017 | 5 minuten)

®Marcus Hafner

Dieser Film stellt für uns einen kritischen Exkurs in der Filmographie von Simon Schneckenburger dar. Er soll für uns wieder ein Beispiel sein, wo seine Affinitäten, die Ausrichtung seiner Filme, doch schwierig werden können. Dieser Animationsfilm, wieder in Stop-Motion-Technik, aber ohne Lego, basiert auf einem Songtext der Band Gaslight Anthem und schildert die Geschichte eines melancholischen Rockstars, der seiner Verflossenen nachjammert. Der Film ist nun ein Klagelied des eigenen Schmerzes, das anstrengend zu konsumieren ist, weil es nur um das männliche Selbstmitleid geht, das hier hemmungslos zelebriert wird. Der Protagonist, der auf der Bühne steht und seinen Text in einem Poetry Slam aufsagt, den der Film in seinen Bildern dupliziert, schwelgt in Weltschmerz und Romantik.

Er ist einsam und allein, kann nur an die Frau denken und das vor allem schwülstig und dick aufgetragen. Würde sich dieses Klischee an Film nicht so bierernst nehmen, dann wäre es eine Parodie. Die Frau, die Verflossene, die hier angebetet werden soll, hat dagegen keinen Charakter. Sie soll nur den Mann erlösen, hat aber keine Eigenständigkeit. Nichtsdestotrotz muss man auch sagen, dass der Film formal zumindest wieder beachtlich und schön ist. Das Werk leidet aber unter seiner flachen Prämisse, die er nicht bricht, sondern klischiert aufsaugt – wie ein Schwamm. Aus gebeichteten Schmerz wird eben nicht immer Kunst, sondern in diesem Fall bleibt nur ein schwermütiger Tränenzieher in Form einer Fingerübung.

®Marcus Hafner

Es wäre der erste große Liebeskummer gewesen, der Simon bei der Arbeit an diesem Film total gefangen genommen hätte und bei der er seine Erlösung in den Songs von Bruce Springsteen gefunden hätte. In der Rückschau betitelt er den Film selbst als schwierig – und zwar nicht nur wegen dem Text, auf dem das Ganze basiert – da aus ihm ein pubertärer Weltschmerz eines gebrochenen Herzens sprechen würde. 

Mit seinen folgenden Werken würden sich aber die Werke von Simon Schneckenburger verändern. Sie würden sich mitunter aus dem Klischierten befreien können, in dem sie enigmatischer werden und den Bezug zur Natur mehr und mehr in den Vordergrund rücken würden. Und vor allem würde uns Simon Schneckenburger mit seinem folgenden Film wieder eine starke, weibliche Protagonistin in seinem Schaffen spendieren.

FORTSETZUNG FOLGT DEMNÄCHST mit weiteren Kurzfilmen von Simon Schneckenburger! 

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